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Das Labyrinth des Hürnen Seyfrid

submitted by Siegfried Holzbauer on 02..2001 at 16:31:38

Installation im Rahmen der Künstlergespräche der Ohlsdorfer Kulturgeraden
GH Enichlmayr, Ohlsdorf
23.Juni 2001, ab 18 Uhr

1. Die Installation

Die Installation besteht aus 20 labyrinthförmig aufgestellten Plakatständern, auf denen Holzbauers Illustrationen des Hürnen Seyfrid affichiert sind.

Die Präsentation der Arbeiten auf Plakatständern ermöglicht es dem Besucher, durch die Umsetzung ins Räumliche, den Labrinthweg des Hürnen Seyfrid selbst zu gehen. Zugleich kontrastiert das Massenmedium Plakat die Privatheit des Labyrinthweges.

Als Begleitbuch zur Installation liegt der Band "Das Lied vom Hürnen Seyfrid", herausgegeben und neu illustriert von Siegfried Holzbauer, mit Beiträgen von Ralph Breyer und Heinz Gappmayr, erschienen 2001 im Wieser Verlag, vor.

2. Der Hürnen Seyfrid

Der Hürnen Seyfrid ist eine spätmittelalterliche Fassung des Nibelungen-/ Siegfriedstoffes. Die frühest erhaltene Textfassung ist das mit 28 Holzschnitten illustrierte "Lied vom Hürnen Seyfrid", gedruckt ca.1530 von Kunigund Hergotin in Nürnberg.

Die Geschichte handelt von Seyfrid, einem ungestümen, verhaltensgestörten Königssohn, der von zu Hause auszieht; aus einer Schmiedelehre fliegt; einen Drachen tötet, wodurch er fast unverwundbar wird; eine, von einem in einen Drachen verwandelten Mann, entführte und gefangengehaltene Königstochter sowie ein, von einem Riesen unterjochtes, Zwergenvolk erlöst; einen Schatz findet, ihn aber in einen Fluß versenkt; und der schließlich zu einem gerechten idealen Herrscher wird, aber aus Eifersucht von seinen Mitregenten ermordet wird.

"Das Lied vom Hürnen Seyfrid" zeichnet ein neues Bild Siegfrieds, das vom Nibelungenlied deutlich abweicht. Es geht nichtmehr um Betrug, Habgier und Eifersucht, die zu Mord, Rache und schließlich dem Untergang Aller führen, sondern um die gelungene Entwicklung des Helden zu einem gereiften Menschen mit Führungsqualität.

Dem traditionellen, negativen Heldenbild des Nibelungenliedes wird im Hürnen Seyfrid das positive Heldenbild der aventiurenhaften Heldenepik gegenübergestellt und von diesem abgelöst. Das Resultat ist nicht die Zerstörung der Gesellschaft, sondern die (wenn auch nur temporäre) Wiederherstellung einer gerechten Ordnung. Der Hürnen Seyfrid enthält so neben der persönlichkeitspsychologischen auch eine gesellschaftspolitische Dimension.

3. Das Labyrinth

Das Labyrinth ist, wie die Spirale, ein archetypisches Ursymbol, das seit 4000 Jahren überall auf der Welt, vorzugsweise aber im atlantischen und mediterranen Raum vorkommt.

Historisch wurde das Labyrinth mit dem sagenhaften Bauwerk des Daidalos auf Kreta verknüpft, in dem Minotaurus, ein Wesen halb Stier, halb Mensch, gefangen ist und Menschenopfer verlangt - bis ihn schließlich Theseus bezwingt und tötet, und am Faden der Königstochter Ariadne wieder aus dem Labyrinth herausfindet.

Erste Darstellungen finden sich als Felsritzungen in Spanien, Italien und Sardinien (ca.2000 v.Chr.), auf Tontäfelchen in Griechenland und Syrien (1200 v.Chr.), auf einem etruskischen Tonkrug (620 v. Chr.), und später auf kretischen Münzen (500 v.Chr.) und römischen Mosaiken (80 v.Chr.). Im Mittelalter sind Labyrinthe als Pilgerwege in Kirchen in Frankreich und Italien, als Rasenlabyrinthe in England und als Trojaburgen genannte Steinsetzungen in Skandinavien weitverbreitet. Als Gartenlabyrinthe, oft in Form von Irrgärten, waren sie seit der Renaissance lange Zeit in Mode. Im 20.Jahrhundert begann ein weltweites Labyrinthrevival, das vorallem auch den spirituellen Charakter des Labyrinths betont.

Das Labyrinth ist (nach H.Kern) eine Orientierungsfigur. Ein einziger Weg führt, auf Umwegen die zum Abschreiten des gesamten Innenraums nötigen, aber ohne Sackgassen oder Wahlmöglichkeiten, ins Zentrum. Dieser Weg verlangt stete Bewegung und Richtungswechsel. Es ist ein Weg der Läuterung. Im Zentrum begegnet man sich selbst, geschieht Tod und Wiedergeburt. Doch erst wenn der Rückweg geschafft ist, ist die Wandlung vollendet.

Eine Interpretation des Hürnen Seyfrid als Labyrinthweg der Läuterung und Wandlung bietet sich geradezu an:

Ein verhaltensgestörter junger Mann wandelt sich zum Wohlfahrt bringenden Staatsmann.

Der Ritt in den unwegsamen Wald, der Aufenthalt im und am Drachenstein, der Kampf mit dem Riesen und mit dem in einen Drachen verwandelten Menschen, die Befreiung des Zwergenvolks und der Königstochter sowie die Rückkehr unter Zurücklassung des gefundenen Schatzes lassen sich unschwer mit dem Labyrinth und seinen Konnotationen (Symbol, Mythos, Spiel) in Verbindung bringen.

Gemeinsame Darstellungen von Drachen(kampf) und Labyrinth finden sich aus dem 12.Jh.in der Basilika San Michele Maggiore in Pavia, auf Kacheln aus dem Kloster Toussaints in Chârlons-sur-Marne, 14.Jh.(zerstört 1544), und in den "Figura Labyrinthi" Drucken hrsg.von Johannes Stabius, Nürnberg 1497.

Die Befreiung einer Frau aus dem Labyrinth begegnet uns im skandinavischen "Jungfrudans" Spiel, auf einem Fresko in der Kirche von Sibbo, Finnland (15.Jh.), in der afghanischen Erzählung von Prinzessin Shamaili und Prinz Jallad Khan, in Al-Biruni´s Fassung (1045 n.Chr.) des altindischen (dem Nibelungenlied vergleichbaren) Ramayana-Epos, in dem Rama seine Frau Sita aus der Labyrinthfestung Lanka des Dämonenfürsten Ravana befreit, sowie in einer äthiopischen Erzählung, in der Sirach einen Tunnel in den labyrinthförmigen Palast König Salomons gräbt und mit einer der Königsfrauen flieht.

Bemerkenswert ist auch die Parallele des Trachenstayn im Hürnen Seyfrid mit dem Krummen Berg (Vanga-giriya) im Vessantara Jataka im Jatakam. Auf den Trachenstayn wird Prinzessin Kriemhild vom Drachen entführt und in seinen Höhlen, bewacht vom Riesen Kuperan, gefangengehalten. Seyfrid kämpft dort mit dem Riesen und dem Drachen, befreit sie und findet einen Schatz. Auf den Krummen Berg wird Prinz Vessantara, die vorletzte Inkarnation von Gautama Buddha, verbannt. Dort, am Fuß des Himalaya im dichten Dschungel, lebt er mit seiner Frau Maddi und den beiden Kindern in zwei Laubhütten 7 Monate lang ein asketisches Leben. Der Krumme Berg wird als Labyrinth (kret.Typ mit 7 Gängen) dargestellt.

Literaturhinweise:

Siegfried Holzbauer: Das Lied vom Hürnen Seyfrid. Klagenfurt: Wieser 2001
Hermann Kern: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen. München: Prestel 1995
Gernot Candolini: Das geheimnisvolle Labyrinth. Mythos und Geschichte eines Menschheitssymbols. Augsburg: Pattloch 1999
Sig Lonegren: Labyrinthe, Antike Mythen und moderne Nutzungsmöglichkeiten. Frankfurt: Zweitausendeins 1993
Nigel Pennick: Das Geheimnis der Labyrinthe. Eine Reise in die Welt der Irrgärten. München: Goldmann 1992
Adrian Fisher, Howard Loxton: Geheimnis des Labyrinths. Aarau: AT Verlag 1998


Viele liebe Grüße

Siegfried



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